29 Dec '18

Travel

24 Stunden bei Indigenen gelebt

Spezielle Erfahrung: Bezahlter Aufenthalt bei einer Eingeborenen-Familie mit Freiluftdusche und Insektenjause

Pudelnackert und eingeseift stehe ich da. Neben mir der gaffende Mischling. Mit einer Metallschüssel schütte ich mir Wasser übers Haupt. So funktioniert duschen im Dschungel. Über mir der Sternenhimmel, unter mir ein paar Bretter, neben der Wassertonne das Holzbrett, das als Küche dient. Mittags lag dort noch ein halbes totes Huhn und ein Fang Fische. 

Aber warum das Ganze? Nicht bloß eine inszenierte Tanzeinlage mit barbusigen Amazonen soll meine Neugierde auf das Leben der Indigenen im Amazonas stillen. Ich wollte das wahre Leben sehen und dabei sein – für den privaten und beruflichen Zweck. Aber es war verdammt schwierig. Anrufe und Mails wurden ignoriert, ich bekam laufend Absagen. Kein Wunder, es war sehr schwer Eingeborene zu finden, die einen aufnehmen und nicht ausbeuten, ausrauben oder töten wollen. 

Mehr als zwei Wochen mit Recherchieren, Schriftverkehr, zig Telefonate, Treffen und viele Tiefs und Hochs vergingen, bis ich kurzfristig eine Zusage bekam. Ich wollte eigentlich schon längst von Manaus weg sein. Am besten Hals über Kopf. Irgendwas hielt mich und ich hatte Glück. Ich kam über viele Umwege an einem der vielen Nebenarme des Rio Negro zu Herrn Santiago, vom Stamm der Tucano.

Der erste Kontakt

Seine Familie und vier andere wohnen im abgelegen Gebiet Roxinou, in der Nähe des Rio Igarapé Tarumã-açu, in einfachen Holzhütten. Hier gibt es außer Natur weit und breit nichts. Der erste Kontakt war verhalten. Die Gastgeber fühlten sich unwohl in ihrer Rolle. Ich mich in meiner ebenfalls. Sie unterhalten sich auf Tariano und ich verstehe weder das, noch spreche ich fließend Portugiesisch. 

Mit dem Huhn aus dem Garten, dem Fisch aus dem Fluss, frischem Tapioca (eine Art weiße Pfannkuchen aus Maniokmehl) brasilianisches Leibgericht, Reis und Würstchen für die Kinder war das Unwohlsein bald runtergeschluckt und verdaut. Gisele, Lidia und Ligiane, wurden zu meinen Spielgefährtinnen. Mit der Reise nach Jerusalem, 3Gewinnt auf meinem Notizblock sowie Tiere nachahmen verbrachten wir den Nachmittag.

Nachdem ich mir den Tag und die Mückenleichen abgewaschen und die Emotionen in der Dunkelheit kurz einordnen versuchte, wurde ich von meinen Gastgebern Isaías und Dionelia, die in ihrer Sprache Xami und Tãtupoa heißen, in ihre Hütte gebeten. Die Nachrichten auf Rede Globoliefen im Hintergrund am Flachbildschirm - ja es gibt Strom und Elektrogeräte und der Hausherr und ich unterhielten uns angeregt über Politik und Kultur. 

Angela Merkel, Emmanuel Macron und Theresa May huschten über den Monitor. Nicht schlecht. Hier im Grünen ist das Weltgeschehen präsenter als selten wo anders. Österreich ist hier bekannt. Auch für schwachen Fußball. Klar, hier wurden fünf WM-Titel gefeiert. Dann lief die überkandidelte Telenovela O Sétimo Guardião. So viel Drama und so viele falsche Brüste. 

Nach einer relativ entspannten Nacht auf der Federmatratze - oh Wunder, ich spürte vorm Einschlafen noch jedes einzelne Eisenteil, aber ich war zu erschöpft um mir Gedanken über meinen Rücken zu machen - war ich um 5 Uhr putzmunter. Alles war bereits auf. Um 6 Uhr war die Nacht weggeduscht, Café de Manhã war angerichtet. Das schwarze Gebräu bestand bestimmt zur Hälfte aus Zucker. Dann war da noch der seichte Geschmack von Kaffee. Aber es war köstlich verglichen mit dem cremigen Geschlabber Mingau. 

Ekelhaftes Geschlabber

Ich schaffte es am Vortag das Angebot für Wasser noch abzulehnen. (Zu präsent waren die bösen Erinnerungen an die vielen Durchfallerkrankungen in Boliven und Peru. Been there. Done that) Mingau konnte ich leider nicht ablehnen. Mir wurde der heiße flüssige Brei aus der Maniokwurzel, den im Dschungel alle wie Wasser trinken, vorgesetzt. Und ich schluckte schwer. Igitt. [Ich könnte hier nicht ganz jugendfreie Vergleiche anführen. Im Falle von Frühstücks-Lesern lasse ich hiervon aber lieber ab]. 

Ich war fertig. Bereit für die nächste Prozedur. Ohne zu fragen rückte Gastmama Dionelia nach dem Frühstück mit einem zugespitzten Ast und Farbe aus gepressten Blättern an, setzte sich, hielt mein Gesicht fest und kritzelte irgendwelche Zeichen auf meine Wangen. Während sich die Männer, Frauen und Kinder bemalten und ihre westliche Kleidung mit Federkronen und -ohringen, selbstgemachten Bikinis und Röcken aus Grünzeug tauschten, wurde ich mit einem Sack-ähnlichen Rock eingekleidet. Oberteil weg. Tradition an. 

Eine Stunde wurde im Gemeindebau, einem Pavillon aus geflochtenen Palmwedeln, gehüpft, in Bambusrohre geblasen, bis ich schlussendlich auch zum Tanz gebeten wurde. Ich zahlte auch dafür. Wie für alles. Bei Eingeborenen gilt: ohne Mäuse keine Show. 100 Reais, umgerechnet 22 Euro für Herumhupfen im Blätterrock und 200 Reais, 45 Euro für meine 24 Stunden Dschungel-Erlebnis. Die Anreise auf drei Booten kostete extra. 

Dieses Erlebnis war ein Flatrate-Angebot. Der erste Stamm, zu dem ich über vier Mittelsmänner Kontakt aufnehmen konnte, wollte sage und schreibe 11.000 Reais (knapp 2500 Euro) für einen 24-Stunden-Besuch. Damit erklärte sich mir auch, warum einer dieser Kontaktpersonen auch eine Rolex am linken Armgelenk trug. 

Zurück zu meinem Mogli-Abstecher, der nach der Tanzerei mit einer Wanderung zu einem Termitenhügel weiterging. Mit Palmblättern wurden die Daumen-großen Krabbler aus ihrer Behausung gelockt und dann lebendig verspeist. Kurz grauste mir, dann packte ich das zappelnde Insekt und zerkaute es. Es schmeckte irgendwie nach Grillen. 

Zu Mittag gab’s verschiedene Fische und irgendein totes Nagetier, das mit Krallen und Kopf über dem Feuer brutzelte. Beim Anblick des toten Säugetiers wurde mir schlecht. Und es schmeckte komisch. Der Fisch, für den sich keiner die Mühe macht und ihn vom Schuppenkleid befreit, war wirklich gut. 

Nach dem Mittagessen und dem Abwasch in der Küche - zur Erinnerung, ein Brett als Arbeitsfläche und die Tonne für eine Eimer-Dusche - war erledigt, dann war der große Abschied gekommen. Und mir wurde das Herz wirklich ein bisschen schwer. Mein Besuch war nur kurz, aber die 24 Stunden waren bestimmt eine der lehrreichsten meines Lebens.

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