19 Dec '18

Serie #80

70 Jahre alt, Weltreisender

Mit James startet meine Serie #80

Ein Flugticket zum Abschied. Von Auckland, Neuseeland nach Buenos Aires, Argentinien am 30. Mai. Auf das Stück Papier kritzelt James Warren auf die Rückseite die Adresse seiner Schwester in High Wycombe, Western Australia. Ich solle mich melden, wenn ich in Australien aufschlage, sagt er mit einem milden Lächeln. Vielleicht sei er zufällig auf Heimatbesuch und könne mich herumführen. Welch eine Illusion. James Warren ist ein Reisender. Ein Rastloser und Ruheloser, der seit seinen 20ern durch die Welt zieht. Damals wie heute mit Rucksack. Mit 70 plus.

Nur eines habe sich geändert. Er gönne sich statt der Nächte im Zelt oder Hostel jetzt günstige Hotels. Ansonsten sei er, fit wie ein Turnschuh, noch immer der hungrige Weltenbummler in Cordhose und Jarket. Seine imaginäre Liste mit Ländern ist lange. Sehr lange. Zwischen 150 und 160 Länder hat er, der mir partout nicht verraten wollte, wie er sich sein Leben finanziere, bis zum späten Frühling 2018 bereist. Davon jedes einzelne in Europa. Alle 183 der Welt werde er nicht mehr schaffen. Die vielen kleinen Inseln im Pazifik reizen ihn nicht.

Geldnoten im Suppenpackerl

Sehr hingegen die untypischen Ziele, die Touristen nicht auf der Liste haben. Iran, Surinam, Guiana, Kasachstan. Die Liste ist schier endlos. Seine Erinnerungen sind trotz seines doch schon fortgeschrittenen Alters sehr präzise. Manche hält er auch mit kleinen Mitbringseln fest: James Warren sammelt druckfrische, faltenlose Geldscheine. Sorgfältig bewahrt er die Papierwährungen in einem zusammengeflickten Fertigsuppenpäckchen auf.

„Schau, was ich hier habe. Die kennst du bestimmt“, sagt James und zupft einen Schrödinger aus dem Täschchen. Ich staune wirklich nicht schlecht. Mit dem 1000-Schilling-Schein verbindet er die Erlebnisse in Wien, Innsbruck und in dem kleinen Scharnstein, einem Ort in Oberösterreich. Nicht gerade die Tourismusdestination Nummer eins in meiner Heimat. Aber typisch James Warren, der sich so abseits der Norm bewegt, so abseits der Norm lebt.

Neugier und Mitleid

Seine Anekdoten, mit denen er mir die dreieinhalbstündige Wartezeit auf den Anschlussbus von Mercedes nach Posadas erheblich verkürzte, waren ein Genuss. Unglaublich, wie viele Erlebnisse dieser Mensch mit dem hellen Geist, den wachsamen Augen und dem Aussie-Slang bereits gesammelt hat. So groß meine Neugier ist, so groß ist auch das Mitleid.

James hat, mit Ausnahme seiner Schwester, keine Familie. Keinen festen Wohnsitz. Keine dauerhafte Bleibe. Und, so scheint es, keine engen Freunde und irgendwie auch keine innere Ruhe. Denn meine mehrmalige Einladung auf einen Kaffee hat der Rastlose abgelehnt. Er müsse weiter. Immer weiter. Ein gemeinsames Foto zum Abschied? Nein. Bilder seien vergänglich. Lieber gebe er mir seine Adresse. Falls ich eines Tages in Australien aufschlage. Und falls er zufällig daheim sei. Welch eine Illusion.

#1
James Warren aus Australien
Mercedes, Argentinien
Juni 2018

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