8 Jan '19

Kommentar

Alleinreisen - Auf dem Ego-Trip

Alleinreisen kann so schön sein. Aber manchmal ist es grauenhaft. Wenn du krank bist oder wenn du dich so richtig mies fühlst

Mit Tränen in den Augen saß ich zusammengekauert im stickigen Bus, starrte aus dem verschmierten Fensterglas und realisierte, dass ich mutterseelenalleine war. Alleine mit meinen wunderschönen Emotionen. Ich war dankbar, stolz, eifrig. Ich lernte liebe Leute kennen, ich hatte eine Mords-Gaudi und die Umgebung war der Inbegriff von Schönheit. 

Aber ich fühlte mich zum ersten Mal seit Reisebeginn einen Monat zuvor wirklich einsam und wusste nicht so recht, wie ich damit umgehen sollte. Da waren diese Glücksgefühle nach einer fünftägigen Marschiererei um die faszinierende Naturschönheit Torres del Paine und ich konnte die eintausend Postkartenmotive in der Kamera und die Millionen von Impressionen nicht unmittelbar teilen. 

Zurück im Hostel empfing mich der Besitzer damals so herzlich, erkannte meinen Kummer und teilte seine Mittagspause mit mir, ich dankte mit euphorischen Erzählungen. Hostels sind generell dieser Umschlagplatz vieler Reisender. Alleine ist man dort nicht lange. Spätestens in der Küche, wenn sich Chinesen an ihren Fertignudeln zu schaffen machen, die Briten ihre Bohnen aus der Dose schütten und die Deutschen an ihrem Gemüseauflauf basteln, beginnt das Kennenlernen. 

Hast du keine Freunde?

Warum bist du alleine unterwegs? Hast du keine Freunde? Ja klar, sehr gute sogar. Aber nicht jeder und jede stellt sein Leben auf den Kopf, kündigt den Beruf, verkauft das Auto, heuert bei Mama um eine Wohnsitzbestätigung an und bucht ein One-Way-Ticket nach Südamerika - ein Kontinent, der nicht gerade als flauschige Wohlfühldestination im Reisekatalog hervorsticht.

Außerdem wähle ich mein eigenes Tempo und kann nach Lust und Laune entscheiden: bleibe ich oder gehe ich. Ich trennte mich schon von anderen Reisegruppen oder Einzelreisenden, weil wir unterschiedlich schnell oder langsam reisten oder andere Interessen hatten.

Irgendwann steigt auch das sehnliche Verlangen nach dem Alleinsein. Du willst keine Unterhaltung. Du willst keine Vorstellrunde. Du willst keine Nebengeräusche. Möglichkeiten gibt es fern der Urbanisation in Südamerika viele. Patagonien. Pampa. Urwald. Irgendwo findest du immer ein Platzerl. 

Selten aber doch ist das Single-Vagabundenleben – mit Verlaub – scheiße. Wenn du krank bist, dir nichts sehnlicher wünschst als jemanden, der sich um dich kümmert. Oder wenn die Stimmung auf Tauchgang ist und du dich nach der Nähe zu Familie und Freunden sehnst. Momente wie diese sind selten und schnell verdaut. Der vernetzten Welt sei Dank, denn es gibt immer ein nettes Gesicht, dass auf Facebook erreichbar ist. 

Schließlich, das Schönste am Alleinreisen: du begegnest Menschen, die du in einer Gruppe oder mit Reisepartnern nie treffen würdest. Etwa dieses unheimlich liebe Ehepaar, das ein paar Urlaubstage mit mir teilte. Oder Einheimische, die dich in Gespräche verwickeln – die von Fremden zu Freuden werden und dir damit auch ihre Kultur, ihren Habitus zeigen, die deinen manchmal schon verlorenen Glauben an die Menschheit wiederfinden lassen. Und die dich vorbehaltslos als Gast aufnehmen und dich nicht alleine lassen. 

Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit Stroncton verfasst worden.

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