21 Dec '18

Kommentar

Im Gefängnis ohne Gitterstäbe

Die Gefahr ist dein ständiger Begleiter in Brasilien – irgendwann hast du sogar vorm eigenen Schatten Angst

Ein dunkler Schleier in meinem Augenwinkel. Ich schrecke auf, der Puls beginnt zu rasen und ich mache auf meinem Absatz schnell kehrt. Hinter mir ist nichts. Nur die dunkle Nacht, die sich über Belém ausgebreitet hat. Nur eine Mülltonne in einer Hauseinfahrt und mein Schatten, den die Straßenlaterne auf den Gehsteig wirft. Sonst nichts.

Überall könnten sie lauern oder vorbeifahren, die Diebe, die Ganoven, die Räuber. Brasilien ist ein gefährliches Pflaster. Besonders die Innenstädte der großen Metropolen wie Sao Paulo, Rio, Brasilia, Manaus. Davor warnt das österreichische Außenamt, davor warnen die Brasilianer, alle mahnen zur Vorsicht. Trotzdem hält dich das nicht ab hinzureisen.

In Brasilien lernst du deine Lektion ohnedies sehr schnell - entweder wegen diverser Vorfälle oder den Dauer-Belehrungen.

Unzählbar oft wurde ich seit meiner Ankunft daran erinnert, bloß nicht mit dem Handy in der Öffentlichkeit zu hantieren. Oder nur kurz, um es dann sofort im Ausschnitt oder in einer Tasche verschwinden zu lassen. Banditen würden es dir auch am helllichten Tag aus der Hand reißen, so schnell könntest du nicht einmal reagieren.

Gemurx mit Bargeld

Man soll auch nicht mit viel Geld durch die Straßen laufen. Nur Bargeld in kleinen Mengen. Bloß keine großen Scheine wie 50 oder 100 Reais mitführen. An Kassen werden die umgerechnet 20 oder 25 Euro höchst selten angenommen. Paradoxerweise spuckt jeder Bankautomat nur diese Noten aus. Das ist mitunter wirklich ärgerlich.

Schließlich wirst du auf deinen Personenschutz immer wieder aufmerksam gemacht. Nicht in der Dunkelheit rausgehen. Manche Stadtgebiete – von Favelas sowieso ganz zu schweigen – sind Sperrzone. Egal welche Tageszeit. Auch in Innenstädten. The worst case abgesehen vom Raub: eine Entführung.

Die ersten Warnungen schnappst du besorgt oder unbedarft auf. Ich wusste vor meinem ersten Besuch in Brasilien, dass es gefährlich wird oder werden kann. Ich war also geistig vorbereitet und dementsprechend gelassen. Inzwischen ist das etwas anders.

Diese permanente Panik vor dem Ungewissen, vor der unbekannten Gefahr, irgendwann zum Opfer zu werden, ist sehr unbequem geworden.

Eingesperrt im Dschungel

So unbequem, dass ich mich kürzlich wie ein Häftling fühlte. Ich durfte privat bei einer Familie im Zentrum von Manaus nächtigen und leben. Eine wirklich große Geste, die so typisch für dieses faszinierende und enorm gastfreundliche Land ist. Nur meine gemütliche Bleibe im Zentrum der Dschungelstadt wurde zum Gefängnis.

Der Innenhof war mit einem Sicherheitsschloss gesichert, die Haustüre sowieso. Zu den Uber*Fahrern, die immer hinter dem Zaun in der Einfahrt hielten, wurde ich immer von meinem Gastgeber begleitet. Wie ein kleines Kind. Für eine 26-Jährige, unabhängige, alleinreisende Frau eine anfangs nette aber nach mehreren Malen sehr mühsame Geste.

Ganz zu schweigen von der Warnung, nicht spazieren oder laufen zu gehen. Jeden Weg als Frau mit einem Taxi zurücklegen. Mein Schrittzähler schaffte nicht mal mehr die 1000er-Marke. 10.000 sind normalerweise, ohne Freiheitsberaubung, das Mindeste.

Zurück von meinem Spaziergang und meinem Schreckenstanz ärgere ich mich. Bin ich einfach nur leichtsinnig und dumm, am Abend durch die Straßen auf der Suche nach einem Supermarkt zu laufen? Oder bin ich, infiziert von den Ängsten und Bedenken der Einheimischen, schon zum Hypochonder, der sich vorm eigenen Schatten fürchtet geworden?

*ein Fahrdienst, der über eine Applikation online bestellt wird und günstiger wie ein Taxi ist.

Diva on instagram

PREVIOUS
NEXT